Hochfranken
Englishčeština
Hochfranken

5. Pressegespräch Hochfrankenbilanz

25. September 2011

Grenznähe ist eine Chance

Wilhelm Siemen, Porzellanikon

Namhafte Persönlichkeiten berichten über ihre Erfahrungen mit den tschechischen Nachbarn

„Grenzland-Chancenland: Ein Resümee nach 20 Jahren" lautete der Titel des 5. PressegesprächsHochfrankenbilanz im Porzellanikon Selb, das das Kuratorium Hochfranken in Zusammenarbeit mit der IHK für Oberfranken organisiert hatte. Gut 20 Jahre nach der Öffnung der Grenze zu Tschechien waren sich die Podiumsteilnehmer einig, dass viele der Befürchtungen, die es vor der Öffnung der Grenze zu Tschechien gab, nicht eingetreten sind und die Nähe zu Tschechien vielmehr eine Chance für Hochfranken darstellt.

Das Pressegespräch diene dazu, „der Region den Puls zu fühlen", sagte Malte Buschbeck, Vorsitzender des Kuratorium Hochfranken. Die Grenze nannte er eine „prägende Eigenschaft der Region."

Wir haben Chancen, wenn wir zusammenstehen in Europa

Dass Hochfranken eine Region von Kreativität und Innovation ist, betonte Wilhelm Siemen der Direktor des Porzellanikons. Es bestehe ein sehr guter Dialog mit den Ländern.

Sebastian Peine, Agentur für Arbeit Hof

Sebastian Peine, der Chef der Hofer Arbeitsagentur prognostizierte, dass die Arbeitslosenquote, die in Hochfranken derzeit bei 4,8 Prozent liegt, weiter sinken werde. Es gäbe keinerlei Eintrübungssignale durch die Freizügigkeit. Etwa 460 Tschechen arbeiten derzeit in Hochfranken. Je mehr Austausch über die Grenzen hinweg stattfände, desto größer seien die Wachstumschancen auf beiden Seiten.

Die Region stellt in puncto Sicherheit einen herrvorragenden Standort dar

Auch Harald Osel vom Polizeipräsidium Oberfranken war nach Selb gekommen, um aus Sicht der Polizei Bilanz zu ziehen. „Die Region stellt in puncto Sicherheit einen hervorragenden Standort dar", war seine Kernbotschaft. Der Kriminalitätsanstieg, der nach der Grenzöffnung im Jahr 2007 befürchtet wurde, sei dank der professionellen polizeilichen Arbeit nicht eingetreten. Es sei wichtig mit den tschechischen Kollegen zusammenzu-arbeiten. „Wir treffen uns regelmäßig und tauschen uns aus", so Osel.

Thomas Fickenscher, GEALAN Formteile GmbH

Der persönliche Kontakt muss stimmen

Für Tomáš Metz vom Sokolover IT-Dienstleister HSF haben die letzten 20 Jahre gezeigt, dass man zusammenwächst. Seine Firma habe sehr frühzeitig den Kontakt nach Deutschland gesucht. Man empfände heut die Nationalität nicht mehr als so stark entscheidend. „Man spricht Englisch, man spricht Deutsch - egal, man spricht einfach." „In Tschechien muss der persönliche Kontakt stimmen, dann werden die Geschäfte gemacht", beschrieb er die Mentalität der tschechischen Nachbarn.

Thomas Fickenscher, Geschäftsführer der GEALAN Formteile GmbH in Oberkotzau berichtete von seinem unternehmerischen Engagement in Tschechien. 2006 habe er über ein Joint Venture die GEALAN Czech in Asch gegründet. Er sei stets darum bemüht gewesen, dass seine Mitarbeiter das Joint Venture als Ergänzung und nicht als Bedrohung für ihren Arbeitsplatz sähen. Die Akzeptanz in der Belegschaft sei mittlerweile sehr groß. Seitdem seine deutschen Mitarbeiter ein wenig tschechisch sprächen, sei die Akzeptanz noch größer. Den Lohnkostenvorteil, den er durch die Produktion in Asch habe, könne er an seine Kunden weitergeben. Dies sichere langfristig Arbeitsplätze in Deutschland, so Fickenscher.

Georg Schnelle, IHK für Oberfranken

Die Tschechen "ticken anders"

Trotz der Unterschiede im Vergütungsniveau und bei den Förderungen habe sich vieles „normalisiert", betonte Georg Schnelle, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken in Bayreuth. Bei den Verkehrsanbindungen von Deutschland nach Tschechien bestehe seiner Ansicht nach noch Verbesserungsbedarf.
Rudi Völkel, Optikermeister aus Marktredwitz, schilderte die Erfahrungen mit dem Nachbarland aus Sicht des Handwerks. Er habe eine Dependance in Tschechien, bei der er deutsche Qualität zu tschechischen Preisen anbiete. „Meine Kunden sind aber nicht die Einwohner des Nachbarlandes, sondern Deutsche, die zum Beispiel in Marienbad zur Kur sind." Er habe sehr positive Erfahrungen gemacht, auch wenn „die Tschechen anders ticken."

Der Einzelhandel kann von der Grenznähe profitieren

Die Tschechen seien sehr interessiert an Städten mit schönen Fußgängerzonen und guter Beratung, sagte Sabine Köppel vom Handelsverband Bayern. „Die tschechischen Kunden zieht ein bestimmtes Warenspektrum an: Lebensmittel, hochwertige Bekleidung, Lederwaren, sowie Elektroartikel." Gerade der Einzelhandel in Marktredwitz und Hof könne davon profitieren.
Die Präsidentin der Euregio Egrensis Arbeitsgemeinschaft Bayern, Dr. Birgit Seelbinder, erinnerte an die Zeit der Grenzöffnung, als die Menschen hier Angst hatten zur Durchgangsregion zu werden. „Wir haben die Euregio gegründet, um diesen Raum gemeinsam zu entwickeln. Wir wollten dies politisch dezidiert angehen und möglichst viele Verbündete finden." Das erste Projekt, das einen Aufbruch gebracht hat, war schließlich das tschechische Gastschuljahr, auch die grenzüberschreitende Gartenschau habe viel bewegt. In einigen Bereichen beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Kliniken oder bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen gäbe es noch Handlungsbedarf. Abschließend wies Dr. Seelbinder noch darauf hin, dass beim Umgang mit den Tschechen interkulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Tschechen eine große Rolle spielen. Malte Buschbeck fasste die gelungene und inhaltlich sehr interessante Veranstaltung mit folgenden Worten treffend zusammen: "Die Nähe zu Tschechien bringt uns viele Vorteile. Ich muss feststellen, dass die Region ihren Standortvorteil schnell genutzt hat"

Wir bedanken uns recht herzlich bei allen Beteiligten, dem Gastgeber Porzellanikon Selb sowie unserem Kooperationspartner, der IHK für Oberfranken.

Die Gesprächsteilnehmer waren (v.l.n.r.): Tomáš Metz (HSF spol. s.r.o.), Georg Schnelle (IHK), Sebastian Peine (Agentur für Arbeit Hof), Sabine Köppel (Handelsverband Bayern), Malte Buschbeck (Kuratorium Hochfranken), Dr. Birgit Seelbinder (Euregio Egrensis), Thomas Fickenscher (GEALAN Formteile), Rudi Völkel (Vertreter des Handwerks), Christian Damm (IHK), Harald Osel (Polizeipräsidium Oberfranken), Volker Ostheimer (Kuratorium Hochfranken), Wilhelm Siemen (Porzellanikon)